Auf Augenhöhe treu geblieben

Wolfgang Hermann (vorn) und Philipp Rösler im Autohaus in Einbeck.

Mandate und Ämter kommen und gehen. Das Autohaus bleibt. Philipp Rösler war Landtagsabgeordneter, FDP-Parteivorsitzender als seine Partei aus dem Bundestag flog, Wirtschaftsminister und Vizekanzler, der 45-Jährige lebt heute in Zürich, leitet seit gut einem Jahr die gemeinnützige Stiftung des chinesischen Mischkonzerns HNA mit Sitz in New York, wo er einmal im Monat ist. Er kennt Wolfgang Hermann (74) seit gemeinsamer Abgeordnetenzeit 2003 bis 2008 im niedersächsischen Landtag. Vom damals einzigen Unternehmer im Landtag habe er eine Menge gelernt, und bis heute könne er ihm keinen Wunsch abschlagen. Kunde des Autohauses Hermann, der Leihwagen auch schon mal mit schlechtem Gewissen zurück gegeben habe, weil seine Kinder zwei CD gleichzeitig in den Player gedrückt hätten, wie er augenzwinkernd erzählt, ein treuer Kunde des Autohauses ist Rösler über all die Jahre geblieben. Warum? Weil er dort immer gleich behandelt worden sei, respektvoll auf Augenhöhe, egal was er war oder auch nicht mehr, erzählt der 45-Jährige. Beim Jahresauftakt der Hermann-Unternehmensgruppe im quasi brandneuen Ford-Store in Einbeck gibt Philipp Rösler den 250 Beschäftigten mit auf den Motivationsweg, alle Kunden stets auf gleicher Augenhöhe zu behandeln, das sei wichtig für dauerhaften Erfolg.

Insgesamt mehr als 7700 Fahrzeuge will die Hermann-Gruppe in diesem Jahr in ihren Autohäusern Einbeck, Northeim, Goslar, Göttingen, Mühlhausen und Höxter verkaufen, darunter 5300 Neuwagen. Dieses Ziel hat Geschäftsführer Michael Zimbal zum Jahresauftakt vor den rund 250 Mitarbeitern ausgegeben.

Folgenloses Zustimmen bei Verhandlungen habe er in der Politik gelernt: Lächeln und nicken, strahlt Philipp Rösler, der unverändert ein glänzender Rhetoriker ist. Und der die Region lange kennt, 1999 war der damalige Junge-Liberalen-Landesvorsitzender schon bei Pressegesprächen in der ehemaligen Bahnhofsgaststätte in Salzderhelden. Europa habe aktuell die Chance, in der Weltwirtschaft die Lücke der sich immer mehr aus einem freien Handel zurück ziehenden USA zu füllen und die größer gewordene Flexibilität der Chinesen zu nutzen, sagte der Lobbyist. Gerade Deutschland genieße weltweit als Volkswirtschaft eine hohe Anerkennung.

Mehr als 1,5 Millionen Euro plant die Hermann-Unternehmensgruppe 2019 für die Modernisierung ihrer Renault-Häuser in Einbeck und Northeim zu investieren, in Einbeck entsteht in diesem Jahr außerdem ein „Reifen-Hotel“ nördlich von dem im vergangenen Jahr für 2,5 Millionen Euro neu gebauten Ford-Store (ehemals Autohaus Peckmann). Für 2021/22 visiert die Hermann-Gruppe nach den Worten von Zimbal für den Göttingen-Standort des bislang gepachteten Ford-Hauses Eckloff eine Veränderung an, sucht zurzeit nach einem neuen Grundstück in der Unistadt. Nach Steuern hat die Hermann-Unternehmensgruppe 2018 rund 830.000 Euro Gewinn erwirtschaftet und mit diesem das Eigenkapital gestärkt.

Seit Jahresbeginn hat die Hermann-Gruppe einen Aufsichtsrat. Mit ihm wolle man deutlich machen, dass das Unternehmen auch in der nächsten Generation in Familienhand bleiben solle, sagte Geschäftsführer Michael Zimbal. In dem dreiköpfigen Gremium sitzen Thorsten Hermann (Diplom-Kaufmann), Peter Hermann (Arzt) und die Northeimer Fachanwältin für Steuerrecht und Notarin, Jutta Gebhardt.

Vorgesehen ist in diesem Jahr auch, dass die sechs Standorte mit ihren vier Marken Renault, Ford, Seat und Dacia selbstständiger agieren sollen. Die Struktur wurde entsprechend angepasst. Bis Jahresende soll es an jedem Hermann-Ort einen Techniker für Elektrofahrzeuge geben. Überhaupt wolle man in diesem Jahr den Verkauf von Elektroautos stärker vorantreiben. „Wir alle müssen Botschafter sein“, sagte Zimbal. Neu ist in diesem Jahr für alle der rund 250 Hermann-Beschäftigten auch eine betriebliche Krankenversicherung bei der Gothaer als arbeitergeberfinanzierte Sozialleistung. Ein betriebliche Altersversorgung für die Mitarbeiter gibt es bereits.

Philipp Rösler in Einbeck, in der ersten Reihe neben Wolfgang Hermann (v.r.) seine Söhne Thorsten und Peter sowie die Juristin Jutta Gebhardt, die jetzt den dreiköpfigen Aufsichtsrat der Unternehmensgruppe Hermann bilden.

Ohne Bienchen keine Blümchen

Grünen-Bundestagskandidatin Viola von Cramon, Imker Günter Kleinhans, Minister Christian Meyer.

Christian Meyer enttäuschte nicht. Natürlich stelle er auch hier, im Einbecker Ortsteil Stroit, die typische Frage eines Landwirtschaftsministers, der durch die Lande zieht und sich vor Ort umschaut, sagte er mit einem Augenzwinkern: „Wie war denn das Jahr?“ Günter Kleinhans hat mit seinen 60 Bienenvölkern rund 40 Kilogramm Honig pro Volk in diesem Jahr ernten können. Wobei der Stadthonig in Einbeck in diesem Jahr ein Flopp gewesen sei, dort seien die Bienen nicht gut geflogen, berichtete der Imker, der seit zehn Jahren auch dem Einbecker Imkerverein vorsteht. Da konnte Minister Meyer mit seinen Ministeriumsbienen nicht mithalten. „Naja, so 30 Kilo pro Volk“, musste der Grünen-Politiker zerknirscht zugeben. Drei Völker stehen im Landwirtschaftsministerium in Hannover, sie werden aber nicht vom Minister, sondern von einer Imkerin betreut. Offenbar steht den Minister-Bienen im städtischen Umfeld ein breites Nahrungsangebot zur Verfügung: 38 verschiedene Pollenarten habe man bei einer Analyse im Honig nachweisen können, mehr als in so mancher Agrarlandschaft.

So gut das Honig-Jahr auch auf dem Lande gewesen sein mag, zwei Fakten waren beim Besuch des Grünen-Ministers und der Grünen-Bundestagskandidatin Viola von Cramon, die mit dem Elektro-Lastenfahrrad aus Waake (bis Nörten mit dem Zug) vergnügt nach Stroit geradelt war, präsent: Es gibt erstens einen Imkerboom in Niedersachsen (unterstützt vom Ministerium mit 50 Euro pro Bienenvolk bis zu neun Völker), und die Imker werden jünger, und mehr Frauen imkern. Der Einbecker Imkerverein wächst und verjüngt sich, berichtete auch Günter Kleinhans. Heute sind es 70 Mitglieder, als er vor zehn Jahren begonnen hat, waren es rund 40. Und der Altersdurchschnitt lag damals bei 58 Jahren, heute bei 40. Bei allem Boom: In Deutschland kann der Honig nur zu maximal einem Drittel von heimischen Imkern gedeckt werden, so gerne schmieren sich die Deutschen heute Honig aufs Brot.

Und Fakt zwei – bei allem Interesse an der Imkerei: Ohne Bienen keine Blumen. Deshalb setzen sich die Grünen für blühende Randstreifen an den Feldern ein. Und bekamen dafür Unterstützung von Gerhard Dietrich. Der agile 97-jährige Stroiter hat das Einbecker Bienenumleitungssystem erfunden und dem Landwirtschaftsminister sowie Grünen-Parteifreunden erläutert, wie dieses funktioniert und die Imkerei erleichtert. Dietrich erinnerte dabei an seine Schulzeit (Ende der 1920-er Jahre), damals habe es noch blühende Ackerstreifen in Fülle gegeben, gut für die Bienen. Die Grünen-Politiker plädierten dann auch für mehr und für später ausgesäte Blühstreifen, wie es sie früher gegeben habe, damit die Bienen genügend Nahrung für den Honig finden können – und auch in Zukunft genügend blüht. Eine Verdoppelung der Blühstreifen habe man schon erreicht, berichtete Minister Christian Meyer. Und, dass Landwirte und Imker wieder und wieder besser miteinander sprechen, beispielsweise was den Einsatz von Spritzmitteln. Der Holzmindener Politiker möchte seine Arbeit als Landwirtschaftsminister nach den Landtagswahlen am 15. Oktober gerne fortsetzen, wie der 42-Jährige im Pressegespräch sagte. Dafür habe er den Wählern auch Einiges anzubieten und wolle die begonnene sanfte, ökologische Agrarwende in Niedersachsen gerne fortsetzen.

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Gesucht wird ein neuer Landrat

Jörg Wolkenhauer (Grüne), Uwe Schwarz und Martin Wehner (beide SPD) heute beim Pressegespräch.

Jörg Wolkenhauer (Grüne), Uwe Schwarz und Martin Wehner (beide SPD) heute beim Pressegespräch.

Wer tritt an? Spekulationen sind ab sofort für die Position des Landrats in Northeim erlaubt, erste Namen werden bereits gehandelt, für Bestätigungen ist es aber noch zu früh. Denn heute Vormittag hat die SPD/Grüne-Mehrheitsgruppe im Kreistag angekündigt, nach der gescheiterten Dreier-Kreisfusion den Landrat im Landkreis Northeim neu zu wählen, wahrscheinlich am 22. September, dem Sonntag der Bundestagswahl.

Die Amtszeit des Amtsinhabers Michael Wickmann (SPD) läuft aus, sie war nur verlängert worden, weil der Kreis mit anderen Kreisen Fusionsverhandlungen führte. Die sind faktisch Geschichte und sollen nun in einer Sonder-Sitzung des Northeimer Kreistages auch formal beendet werden. Während die CDU die Sitzung allein zum Beenden des Fusionsprozesses beantragt, wollen SPD/Grüne außerdem einen Beschluss über eine Landratswahl herbeiführen und einen Termin festlegen.  (Ein Schmankerl am Rande für Hobby-Juristen: Die CDU beantragt die Sondersitzung nach § 59 der Kommunalverfassung, die SPD/Grünen nach § 7 der Geschäftsordnung des Kreistages)

Die Sitzung dürfte nach Ostern im April stattfinden, einen Termin gibt es noch nicht.

In den nächsten Tagen und Wochen werden wir beobachten können, wie die Parteien den jeweiligen politischen Gegnern bzw. anderen die Schuld dafür geben werden, dass die „Triangel“-Lösung, wie die Fusion der Kreise NOM, OHA und GÖ (inkl. der Stadt Göttingen) nicht erklingen wird. Die Kreistage in Göttingen und Osterode hatten vor wenigen Tagen beschlossen, dass die Kreise 2016 fusionieren werden.

SPD-Vorsitzender Uwe Schwarz spricht von „totaler Blockade der CDU“ und „vergiftetem Verhandlungsklima“, weil die Hauptverwaltungsbeamten in Göttingen und Osterode (Bernhard Reuter und Gero Geißlreiter) öffentlich im vergangenen Herbst begonnen hätten, mit „falschen Behauptungen Stimmung zu machen“. „Indiskutabel“ sei dies, ergänzte Grünen-Fraktionsvorsitzender Jörg Wolkenhauer.

Die CDU spricht von „persönlichen Plänen“ des Göttinger Landrats Bernhard Reuter, die ursächlich für die beschlossene Zweier-Fusion und die gescheiterte Dreier-Lösung seien, ehrliche Verhandlungen auf Augenhöhe habe es nie gegeben. Der Landkreis Northeim könne sich jetzt wieder auf seine eigene Stärke besinnen, lässt CDU-Fraktionschef Heiner Hegeler ausrichten.

Die politische Neuwahl-Nachricht des Tages verkündeten Rot-Grün nach einem gestrigen Gespräch mit dem Innenministerium und einer Sondersitzung der SPD/Grünen-Gruppe. Bei der einstündigen Unterredung in Hannover waren die komplette Spitze des Ministeriums (Innenminister Boris Pistorius, Staatssekretär Stephan Manke mit Abteilungsleiter und Referatsleiter) sowie Landrat Michael Wickmann, Erster Kreisrat Dr. Hartmut Heuer und Stabsstellenleiter Harald Rode dabei. Auch die drei MdL’s aus dem Landkreis (Uwe Schwarz, Frauke Heiligenstadt, Christian Grascha) seien beteiligt gewesen, berichtete Schwarz. Grascha habe sich allerdings kurzfristig wegen einer dringenden Fraktionssitzung entschuldigen müssen, sei von ihm, Schwarz, aber sofort anschließend inhaltlich unterrichtet worden.

Wer bei der Landratswahl antreten wird? Wie gesagt, die Runde der Spekulation ist eröffnet. Da werden wir noch viele Namen lesen, bis weißer Rauch aufsteigen wird. Fest steht nur, das hat Jörg Wolkenhauer heute erklärt, dass die Grünen mit einem eigenen Kandidaten ins Rennen gehen werden. Die SPD werde noch vor den Sommerferien in einem geordneten Verfahren ihren Kandidaten benennen, sagte Uwe Schwarz. Ein Konflikt um die Kandidatur bei der SPD, wie beim letzten Mal, „wird sich nicht wiederholen“. Die Genossen kommen am 12. April zum Unterbezirksparteitag zusammen, bei dem Wahlen auf der Tagesordnung stehen. Allerdings die für die Parteigremien, für die Landratskandidatur ist ein separater Nominierungsparteitag vorgeschrieben.

Und bis zum 22. September, dem mutmaßlichen Landratswahltermin, werde auch die Stichwahl bei Direktwahlen wieder eingeführt sein, ist Landtagsabgeordneter Uwe Schwarz sicher, das Gesetz sei bereits im Landtag eingebracht. Möglich werde dann auch sein, dass diese Stichwahl nicht zwingend 14 Tage nach dem ersten Wahldurchgang stattfinden müsse, sagte er. Das könnte wegen der Herbstferien schon im Landkreis Northeim erstmals Praxis werden, eine Stichwahl also z.B. am 29. September stattfinden.

Nachtrag 19.03.2013: Die CDU-Kreistagsfraktion hat heute eine Pressemitteilung „SPD sucht Schuldigen“ veröffentlicht. Für den „Scherbenhaufen“ nach der gescheiterten Kreisfusion trage Rot-Grün die alleinige Verantwortung, schreibt der stellvertretende CDU-Fraktionschef Timo Dröge (Bad Gandersheim). Der Schuldige ist wie vorhergesagt immer der andere 😉

Nachtrag 22.03.2013: Laut Kreistagsinformationssystem findet die Sondersitzung des Kreistages am 10. April (Mittwoch) um 19 Uhr im Kreishaus statt.

Nachtrag 12.04.2013: Der Kreistag hat einstimmig beschlossen, die Fusionsverhandlungen zu beenden. Die Wahl eines neuen Landrats oder einer neuen Landrätin wird am 22. September, dem Sonntag der Bundestagswahl stattfinden. Landrat Michael Wickmann hat erklärt, kandidieren zu wollen.