Einbecker Freude im ersten Zug

„High Five“ mit dem Lokführer: Große Freude vor der Zug-Premiere bei Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek und DB-Mitarbeiter Hans-Jörg Kelpe, der auch SPD-Ratsherr der Stadt Einbeck ist. Links Wirtschaftsministerium-Abteilungsleiter Dr. Christoph Wilk.

Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten. Sie nutzen sich schnell ab. Aber heute und hier darf man mal einen wagen: Der 9. Dezember 2018 ist ein historischer Tag für Einbeck. Nach 34 Jahren Pause fahren wieder regelmäßig Personenzüge bis zum Bahnhof Mitte in die Kernstadt. Entsprechend groß war die Freude in Einbeck am Tag davor, am Tag vor dem Fahrplanwechsel. An diesem Tag waren nicht nur sechs Scheren gefragt, mit denen einige das rote Band vor dem roten Zug durchschnitten und damit offiziell den Weg frei gemacht haben für die Premierenfahrt zwischen Mitte und dem 4,2 Kilometer auf der Schiene entfernten Salzderhelden. An diesem Tag erinnerten sich einige auch wehmütig an 1984, als der letzte Triebwagen den Bahnhof Einbeck-Mitte verlassen hat. Sie alle waren mit im modernisierten Dieseltriebwagen LINT 27 der DB Regio (WLAN, WC) bei der Premierenfahrt von Mitte nach Salzderhelden. Dort ist der Ausstieg in Fahrtrichtung links. Manche haben und werden auch wieder ihren kommunalpolitischen Honig daraus saugen, dass Einbeck wieder am Zug ist. Wer hat’s erfunden? Die Landrätin jedenfalls dankte an dem historischen Tag für das parteiübergreifende Engagement. Gut so.

Natürlich hat der Abteilungsleiter Verkehr im niedersächsischen Verkehrs- und Wirtschaftsministerium, Dr. Christoph Wilk, imgrunde völlig Recht, wenn er wie bei der Eröffnungsfeier mit Hinweis auf seinen fehlenden Dienstherrn sagte: „Es ist völlig egal, wer da ist, Hauptsache die Bahn fährt ab.“ Trotzdem darf man durchaus noch einmal ein Auge werfen auf die politische Wertschätzung mancherorts, die diesem Projekt am Anfang und am Ende entgegen gebracht wurde und wird. Der damalige Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) war in der frühen Reaktivierungsphase mehrmals vor Ort, manchmal zugegeben extrem wahlkampfgetrieben. Bei der Streckenfreigabe der reaktivierten Trasse, der immerhin ersten in Niedersachsen, reichte es krankheitshalber nicht mal mehr zum angekündigten Staatssekretär aus Hannover, sondern nur zum Ministeriumsbeamten, der zur Schere griff. Wilks Worte, die Große Koalition stehe voll hinter der unter Rot-Grün entschiedenen Reaktivierung der Strecke wirkte da etwas schal. Der jetzige Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) weilte lieber in Hamburg beim Parteitag. Und der Vorgänger und jetzige Umweltminister Olaf Lies (SPD) sagte aus terminlichen Gründen ab (was bei einem seit mindestens einem Jahr fixierten Termin reichlich merkwürdig klingt). Angeblich gab es sogar Zoff in der Regierung, weil der eine wollte, aber nicht sollte.

Erinnert sei auch bei aller Freude noch einmal an die von Verzögerungen geprägte Bauphase. Denn eigentlich sollte ja bereits vor einem Jahr wieder der erste Zug fahren. Erst das Hochwasser und dann die nicht mehr sanierungsfähige, denkmalgeschützte Brücke brachten den Zeitplan ins Schwimmen.

Unvergessen auch der politische Zoff, der sich in Einbeck an der Reaktivierung der Bahnstrecke entzündet hat. Hier für alle, die möchten, alles nochmal nachzulesen. Bei aller Freude über das bereits Geschaffte sagte auch die Bürgermeisterin, dass die ZOB-Umgestaltung ja noch als Aufgabe bevorstehe. Hinter den Kulissen scheint sich dort auch bereits etwas zu tun. Und jüngst war ja auch noch die SPD auf den Zug aufgesprungen und hatte eine bessere Anbindung des Bahnhofs an den ZOB und die City angemahnt. Von der ausstehenden Neugestaltung eines kleinen Fleckchens direkt am Bahnhofsausgang habe ich hier ja bereits geschrieben. Mit dem Frühjahr dürfte sich dort bestimmt etwas tun. Viel schneller, wohl am Dienstag, wird nach dem gerade noch auf die letzte Minute installierten Fahrkartenautomaten dann auch der Fahrkartenentwerter aufgestellt sein.

Die am Ende bei einigen immer so unbeliebte Frage, was das Ganze denn kostet, ist auch noch nicht abschließend beantwortet. Die Landrätin sprach von 9,2 Millionen Euro, was 15 Prozent über der Kostenschätzung liege, wie sie sagte. Der Abteilungsleiter aus dem Wirtschaftsministerium sprach von 8 Millionen Euro (und meinte sicherlich den Landesanteil, bei dem die eine Million der Ilmebahn noch oben drauf kommt). Manche mögen ja diese Fragen nach dem Geld nicht so gerne. Denen darf ich dann noch einmal in Erinnerung bringen, dass wir hier über Steuergeld sprechen, bei dem jeder Bürger einen Anspruch darauf hat zu erfahren, was mit seinem Geld geschieht.

Ein kleiner Schreckmoment war für einige die Ankunft des Premierenzuges an Gleis 4 in Einbeck-Salzderhelden: Wer bei dem kurzen Zwischenhalt vor der Rückfahrt ausstieg, merkte sofort den „großen Schritt für die Menschheit“, den man machte musste. Der Höhenunterschied zwischen Zug und Bahnsteig ist auch bei großem Wohlwollen nicht mehr barrierefrei zu nennen (selbst wenn man ihn zugseitig mit Hilfsmitteln überwinden kann im Rollstuhl-Fall der Fälle, wie ich weiß). Einbecker Seniorenrat und Behindertenbeauftragte: Übernehmen Sie!

P.S.: Wer erkannt hat, an welche berühmt gewordenen Worte mein Textanfang erinnern soll, kann mir das bei nächster Begegnung gerne sagen.

Barrierefrei? Am Bahnsteig 4 in Salzderhelden ist ein großer Schritt notwendig, um in die neuen Züge nach Mitte zu kommen, so hoch ist der Absatz zwischen Zug und Bahnsteig. In Mitte ist das am Bahnsteig nicht so.

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Teurer Tarif?

Mit einer Resolution hat sich der Stadtrat in Einbeck für einen attraktiveren Zugverkehr ausgesprochen – vor allem für Berufspendler. Der Landtag und die Landesnahverkehrsgesellschaft sollen auf die zuständige Niedersachsentarif GmbH (NITAG) einwirken und den überproportionalen Preisanstieg für Berufspendler (Jahreskarteninhaber) zurücknehmen, heißt es in der einstimmig verabschiedeten Erklärung (2014ResolutionsentwurffuerdenRat-Niedersachsen-1). Der eingeführte Niedersachsentarif sei „ein sehr begrüßenswerter Schritt“, allerdings bringe dieser erhebliche finanzielle Nachteile für Berufspendler von bis zu 20 Prozent mit sich.

Und der Protest kam prompt: Die Niedersachsentarif GmbH (NITAG) hat die Kritik des Einbecker Stadtrates an einem überproportionalen Preisanstieg für Berufspendler zurückgewiesen. Dass der vor einem Jahr eingeführte Niedersachsentarif finanzielle Nachteile von bis zu 20 Prozent mit sich bringen solle, wie in der vom Stadtrat beschlossenen Resolution behauptet, könne man in dieser Form nicht nachvollziehen, sagte mir Thilo Knoblich, Assistent der NITAG-Geschäftsführung: „Wir haben attraktive Preise für Pendler.“ Auf der Strecke von Einbeck bzw. Kreiensen nach Hannover sei die Monatskarte um circa 5 Euro teurer geworden, ein Preisanstieg von rund drei Prozent. Allerdings: Das frühere Job-Ticket der Deutschen Bahn AG wird im Niedersachsentarif nicht mehr angeboten. Rabattierungen (Bahnkarte, Firmenabos), welche die Bahn ihren Kunden gewährt hat, sind damit entfallen.

Einbeck als zweitgrößte Stadt in Südniedersachsen nach Göttingen habe ein hohes Interesse daran, dass die Menschen dank der guten Verbindungen auch weiterhin öffentliche Verkehrsmittel nutzen, wenn sie aus beruflichen Gründen nach Hannover oder auch nach Göttingen pendeln, heißt es in der Resolution. Tarifänderungen dürften nicht dazu führen, dass es zu Benachteiligungen des ländlichen Raumes komme. Die Stadt Einbeck als Mittelzentrum im strukturschwachen Südniedersachsen wende sich dagegen, einen weiteren Standortnachteil hinnehmen zu müssen.

Mit dem Niedersachsentarif sei man konkurrenzfähig gegenüber dem Auto, sagt dagegen Thilo Knoblich. Benachteiligungen des ländlichen Raumes durch die Tarifänderungen sieht die NITAG deshalb anders als der Einbecker Stadtrat in seiner Resolution nicht. Für die Bahnstrecke von Einbeck bzw. Kreiensen nach Hannover entstehen nach seiner Rechnung Kosten von rund sieben Cent pro Kilometer, bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit eines Berufspendlers von 20 Tagen im Monat seien das 7 Euro pro Monat. Das sei günstiger als die Kraftstoffkosten bei einem Pkw.

Der Niedersachsentarif wurde am 9. Juni 2013 eingeführt, die Preise zum 1. Januar 2014 erhöht. Der Tarif ist das gemeinsame Fahrpreissystem aller Eisenbahnunternehmen im niedersächsischen Schienenpersonennahverkehr außerhalb der bestehenden Verbünde; für den Verkehrsverbund Südniedersachsen (VSN), also für die Strecke von Kreiensen bzw. Einbeck nach Göttingen, gelten eigene Tarife.